Schilddrüsen-Autoimmunität & Kinderwunsch – Hashimoto, Antikörper und Fruchtbarkeit
Die Schilddrüse spielt eine zentrale Rolle für den Hormonhaushalt, den Menstruationszyklus und die Fruchtbarkeit. Weniger bekannt ist, dass Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse den Kinderwunsch auch dann beeinflussen können, wenn der TSH-Wert noch im Normbereich liegt – eine grundlegende Einordnung des Werts bietet der Überblick TSH-Wert bei Kinderwunsch – Bedeutung, Normwerte & Einfluss auf die Fruchtbarkeit. Besonders häufig tritt in diesem Zusammenhang die Hashimoto-Thyreoiditis auf.
Was bedeutet Schilddrüsen-Autoimmunität?
Bei einer Autoimmunerkrankung richtet sich das Immunsystem irrtümlich gegen körpereigenes Gewebe. Im Fall der Schilddrüse greift es die Schilddrüsenzellen selbst an – meist langsam, schleichend und über viele Jahre hinweg. Die häufigste Form dieser Erkrankung ist die Hashimoto-Thyreoiditis.
Dabei handelt es sich um eine chronische Entzündung der Schilddrüse, die langfristig zu einer Unterfunktion führen kann. In frühen Phasen bleiben die Hormonwerte jedoch häufig noch im Normbereich. Gerade deshalb bleibt die Erkrankung oft lange unentdeckt, obwohl die Autoimmunreaktion bereits aktiv ist.
Welche Schilddrüsen-Antikörper sind bei Kinderwunsch relevant?
Bei Verdacht auf eine Autoimmunerkrankung werden bestimmte Antikörper im Blut untersucht. Für den Kinderwunsch sind vor allem zwei Antikörper von Bedeutung:
- TPO-Antikörper (TPO-AK)
- Tg-Antikörper (TG-AK)
Diese Antikörper zeigen an, dass das Immunsystem gegen Bestandteile der Schilddrüse arbeitet – auch dann, wenn TSH, fT3 und fT4 noch unauffällig erscheinen. Antikörper sind dabei kein Zufallsbefund, sondern ein Hinweis auf eine aktive autoimmune Reaktion, die die Schilddrüsenfunktion bereits beeinflussen kann.
Warum Hashimoto auch bei normalen TSH-Werten den Kinderwunsch beeinflussen kann
Viele Betroffene haben einen TSH-Wert im Referenzbereich und gleichzeitig deutlich erhöhte Antikörper. In dieser Phase arbeitet die Schilddrüse hormonell oft noch ausreichend, gleichzeitig ist die Autoimmunerkrankung jedoch bereits aktiv. Vereinfacht bedeutet das: Die Blutwerte wirken noch normal, die entzündlichen Prozesse laufen jedoch schon im Hintergrund.
Diese immunologische Aktivität wird unter anderem in Zusammenhang gebracht mit:
- Veränderungen der Eizellreifung
- einer erschwerten Einnistung
- einem erhöhten Risiko für frühe Fehlgeburten
- einer instabileren hormonellen Regulation
Deshalb wird bei unerfülltem Kinderwunsch häufig empfohlen, nicht nur den TSH-Wert, sondern auch die Schilddrüsen-Antikörper zu bestimmen; wie TSH, fT3 und fT4 zusammenhängen, wird im Beitrag TSH, fT3 & fT4 – warum ein einzelner Wert nicht ausreicht erläutert.
Zusammenhang zwischen Hashimoto und Fehlgeburten
Mehrere große Studien und Metaanalysen zeigen, dass erhöhte Schilddrüsen-Autoantikörper mit einem erhöhten Risiko für frühe Fehlgeburten assoziiert sein können, auch bei noch normaler Schilddrüsenfunktion.¹–⁶. Als mögliche Einflussfaktoren werden unter anderem eine gestörte Einnistungsphase, eine veränderte Immunreaktion an der Gebärmutterschleimhaut sowie ein dauerhaft erhöhter entzündlicher Grundzustand diskutiert.
Entsprechend spielt die Autoimmun-Diagnostik besonders bei folgenden Konstellationen eine wichtige Rolle:
- wiederholte frühe Fehlgeburten
- ausbleibende Einnistung
- wiederholt ausbleibender Schwangerschaftseintritt trotz IVF
Wie Hashimoto den Hormonhaushalt schleichend verändern kann
Im Verlauf einer Hashimoto-Erkrankung kann es zu unterschiedlichen Phasen kommen. Anfangs sind die Schilddrüsenwerte häufig noch unauffällig, später können vorübergehend leichte Überfunktionszeichen auftreten, bevor sich schließlich eine zunehmende Unterfunktion entwickelt.
Diese hormonellen Veränderungen können den Zyklus destabilisieren, den Eisprung unregelmäßig machen und die Progesteronbildung beeinflussen. Der Kinderwunsch kann dadurch erschwert werden – oft ohne eine sofort erkennbare Ursache.
Wann eine Antikörper-Bestimmung sinnvoll ist
Die Untersuchung der Schilddrüsen-Antikörper wird besonders dann empfohlen, wenn der Kinderwunsch über längere Zeit unerfüllt bleibt, wiederholte Fehlgeburten aufgetreten sind oder eine familiäre Vorbelastung mit Schilddrüsenerkrankungen besteht. Auch bei schwankenden oder grenzwertigen TSH-Werten sowie bei auffälligen fT3- und fT4-Konstellationen kann die Antikörper-Bestimmung wichtige Zusatzinformationen liefern.
In all diesen Situationen reicht die alleinige Betrachtung des TSH-Werts häufig nicht aus.
Bedeutung bei IVF und ICSI
Auch im Rahmen einer künstlichen Befruchtung spielt die Schilddrüsen-Autoimmunität eine Rolle. Erhöhte Antikörper können mit folgenden Aspekten in Zusammenhang stehen:
- einer verminderten Einnistungswahrscheinlichkeit
- einem erhöhten Risiko für frühe Aborte
- einer sensibleren hormonellen Steuerung während der Stimulationsphase
Aus diesem Grund gehört die erweiterte Schilddrüsendiagnostik in vielen Kinderwunschzentren bereits zur erweiterten Basisabklärung vor einer IVF oder ICSI.
Fazit: Autoimmunität ist ein eigenständiger Einflussfaktor
Schilddrüsen-Autoimmunerkrankungen wie Hashimoto können den Kinderwunsch beeinflussen – auch dann, wenn der TSH-Wert noch im Normbereich liegt. Antikörper liefern dabei wichtige Zusatzinformationen, die für eine realistische Einschätzung der Fruchtbarkeit entscheidend sein können. Eine frühzeitige und vollständige Diagnostik schafft Orientierung und ermöglicht eine individuell abgestimmte medizinische Begleitung. Welche Rolle der TSH-Wert speziell bei Männern mit Kinderwunsch und der Spermienqualität spielt, erläutert der Beitrag TSH-Wert bei Männern mit Kinderwunsch – Einfluss auf Spermien & Fruchtbarkeit.
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